Nach Jahren der Aufbruchsrhetorik mehren sich die nüchternen Stimmen. Denn getrieben durch Bevölkerungswachstum, Digitalisierung, Elektromobilität und neue Anwendungen wie Künstlicher Intelligenz steigt der Energiebedarf weltweit kontinuierlich an.
Gleichzeitig zeigt sich gerade in Mitteleuropa im Winter eine strukturelle Lücke bei der Versorgung mit erneuerbarem Strom.
Am Tag der Wirtschaft 2025 zeichnete der ehemalige ETH-Professor Lino Guzzella ein klares Bild: Seit dem Zweiten Weltkrieg seien Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch nahezu parallel angestiegen. Heute würden rund
80 Prozent der global genutzten Primärenergie weiterhin aus Kohle, Öl und Erdgas bestehen, so Guzzella. Der Anteil von Kernenergie, Wasser, Wind und Solar sei demgegenüber vergleichsweise klein. Ohne Energieversorgung, so seine zentrale These, wäre der wirtschaftliche Aufstieg der vergangenen Jahrzehnte nicht möglich gewesen.
Einer der treibendsten Faktoren ist das Wachstum der Weltbevölkerung. Bis 2050 werden rund 9,5 Milliarden Menschen erwartet. Dies bleibt nicht ohne Folge für den Energiebedarf. Guzzella verwies darauf, dass auch deshalb selbst ambitionierte Klimaziele bislang kaum Wirkung gezeigt hätten. Als Beispiel nannte er die globalen Emissionen, die seit dem Pariser Abkommen 2015 – mit Ausnahme des pandemiebedingten Einbruchs – weiter angestiegen seien. Absichtserklärungen allein reichten nicht, entscheidend seien messbare Resultate, sagte Guzzella.
Die Schweiz ist gleich doppelt herausgefordert. Einerseits ist der eigene Anteil an den globalen Emissionen gering bis marginal. Andererseits steigt mit E-Autos und E-Bussen sowie Wärmepumpen der inländische Strombedarf – insbesondere im Winter. Zwar produziert die Schweiz bereits heute im Sommer Stromüberschüsse, im Winter allerdings besteht eine Lücke. Guzzella geht auch für die Schweiz davon aus, dass mit zusätzlicher Elektrifizierung der Strombedarf im Winter nochmals deutlich zunehmen wird. «Photovoltaik liefert im Winter nur einen Bruchteil der Sommerleistung», sagte Guzzella. Strom sei zudem keine Primärenergiequelle, sondern müsse erst erzeugt werden. Für ihn ist eines entscheidend: «Wir müssen ständig genug bezahlbare, sichere, saubere Energie haben. Weil ohne Energie läuft gar nichts.»
Solar liefert zu wenig Strom
Auch im Energie-Liga-Podcast weist Ramon Werner, CEO von Volenergy, auf die Diskrepanz von Produktion und Verbrauch hin. Der Strombedarf wachse – unter anderem durch Bevölkerungszunahme in der Schweiz und steigende Ansprüche. «Wir sind jetzt knapp über neun Millionen Einwohner. Und alle wollen Autofahren, irgendwo leben, heizen, wollen einen kalten Kühlschrank – und das braucht Energie», so Werner. Nur mit Effizienzgewinnen allein werde es nicht ausreichen, diesen Mehrbedarf zu decken. Zudem stelle sich die Frage, woher der zusätzliche Strom kommen solle, wenn gleichzeitig Kernkraftwerke vom Netz gingen und im Winter weniger Solarstrom zur Verfügung stehe.
Werner betont auch die internationale Einbettung. Die Schweiz verursache rund 0,1 Prozent der weltweiten Produktions-Emissionen. Klimapolitik müsse deshalb mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit vereinbar bleiben. «Es bringt nichts, wenn wir 2030 tatsächlich die Hälfte und 2050 Null erreichen – und dabei zu Grunde gehen und verarmen», so Werner. Zielsetzungen müssten transparent mit Kostenfolgen verbunden werden. Und wichtig: Lösungen müssten für Bevölkerung und Unternehmen tragbar sein.
Offenheit und Energiemix
Beide Referenten stellen nicht die Notwendigkeit einer Dekarbonisierung der Gesellschaft infrage. Guzzella warnt jedoch vor der vereinfachten Annahme, wonach eine
vollständige Elektrifizierung rasch und schmerzlos gelingen könne. Der Umbau des Energiesystems in kurzer Zeit sei historisch beispiellos und mit erheblichen Investitionen verbunden.
Werner plädiert für Technologieoffenheit und einen breiten Energiemix. Biotreibstoffe könnten kurzfristig substanzielle CO₂-Einsparungen ermöglichen, ohne bestehende Infrastruktur zu ersetzen. Bereits heute würden fossilen Treibstoffen biogene Anteile beigemischt. Langfristig seien auch synthetische Kraftstoffe denkbar, so Werner. Entscheidend sei, verschiedene Lösungen parallel zu prüfen und nicht alles «auf eine Karte» zu setzen.
Sowohl für Guzzella als auch für Werner sind einseitige Verbote wie etwa das Ölheizungsverbot im Kanton Basel-Landschaft nicht zielführend. Lösungen müssten «bezahlbar» bleiben und von der Bevölkerung mitgetragen werden.
Technologieentwicklung braucht Zeit, Innovation entsteht nicht auf Knopfdruck. Und der Winter bleibt die Achillesferse eines Systems, das in Mitteleuropa auf rein erneuerbare Energien setzt. Eines ist Gewiss: Ohne technologieoffenen Ansatz wird Versorgungssicherheit zur Lotterie.

